Chuck Norris würde wohl Sarah Palin wählen.

Alle Jahre wieder setzen sich in der Vorweihnachtszeit die Hochschulgruppen zusammen und planen ihren Wahlkampf; und je nach Kreativität und/oder Engagement kommen dabei mehr oder weniger gelungene Kampagnen zustande, wobei von ClipArt über ausgestopfte Tiere, unverhohlenes Betteln und Schnorren bis zu menschlichen Litfasssäulen alle denkbaren Mittel eingesetzt werden. Tricky bei der Wahlwerbung ist, dass niemand genau weiß, wie die Wählerinnen und Wähler auf sie reagieren; da es keine Umfragen oder Meinungsbilder gibt, stochern die meisten Listen im Trüben und hoffen darauf, dass ihre Logos und Slogans irgendwie bei einer Wähler*innenschaft mit der angenommenen Aufmerksamkeitsspanne eines Sechsjährigen verfangen. Das dem amerikanischen Vorzeigekapitalisten Henry Ford zugeschriebene Bonmot trifft es wohl ganz gut:

„Ich weiß, die Hälfte meiner Werbung ist hinausgeworfenes Geld. Ich weiß nur nicht, welche Hälfte.“

Gleichzeitig soll vermieden werden, mit der eigenen Darstellung zuviel Schaden anzurichten, wobei Kleinigkeiten große Auswirkungen haben können: Als die Grüne Hochschulgruppe vor ein paar Jahren ihren Wahlvorschlag schlicht mit dem kryptischen Kürzel „GHG“ überschrieb, stürzte sie in den StuPa-Wahlen von fünf auf zwei Sitze ab. Dieses Frühjahr haben sich die Jusos diese Anekdote unter umgekehrtem Vorzeichen zum Vorbild genommen… Verzeihen Sie, sagte ich Jusos? Der Autor meinte natürlich die Hochschulgruppe Chuck Norris würde Jusos wählen!.

Der Gedankengang der Aktivisten von Chuck Norris würde Jusos wählen! (mit dem Ausrufezeichen wohl als „CHUCK NORRIS WÜRDE JUSOS WÄHLEN!“ ausgesprochen) ist vergleichsweise transparent; offensichtlich spekulieren Niklas, Stefan, Fabian und wie sie alle heißen, dass Otto Normalmaschinenbauer (männlich, Anfang 20, hochschulpolitisch unerfahren) beim Lesen des Wahlzettels in ein begeistertes Gurgeln ausbricht und infantil glucksend zum Buntstift greift, um neben das resultierende Kreuz noch ein „LOL ROFL HE DEFNTLY WOULD“ zu setzen. Das könnte man als populistisch bezeichnen; auf der anderen Seite könnte man es auch so sehen, dass angesichts geringer Wahlbeteiligungen jedes Mittel recht sein sollte, um in einem demokratischen Verfahren mehr Leute zum Wählen zu kriegen (vorausgesetzt, man hat das Demokratieverständnis eines nahöstlichen Potentaten und den Humor eines Ziegels und betrachtet die gesamte Wahl sowieso als Farce).

Chuck Norris taugt leider (gerade im Jahr der amerikanischen Präsidentschaftswahlen) nur bedingt als jungsozialistisches Vorbild. Der Schauspieler und Kampfsportler ist seit langem Vorzeigemitglied der Republikanischen Partei und unter ihnen einer jener Hardliner, die ihre primären Anforderungen an Politik mit der Position zu den drei G’s zusammenfassen: God, Gays ‚n‘ Guns, was sich ungefähr mit „pro Kreationismus, kontra Schwulen- und Lesbenrechte, pro Waffenlobby“ übersetzen lässt. Als homophober Evangelikaler mit eigener Zeitungskolumne zitierte er vor ein paar Jahren verstörend ungerührt einen Gesetzesentwurf aus der Gründungszeit der USA zur Kastration und Verstümmlung von Menschen mit abweichender Sexualität für eine ziemlich konfuse Argumentation gegen gleichgeschlechtliche Emanzipation. Gleichzeitig ist der Held spöttischer Jugendkultur naiv genug, um sich durch die „Chuck Norris Facts“ geschmeichelt zu fühlen – und humorlos genug, dabei Facts mit Gottesbezug auszunehmen, da sie die Omnipotenz des alten Mannes im Himmel anzweifeln würden.

Fairerweise muss man allerdings zugestehen, dass sich Chuck Norris im letzten Jahrzehnt (nicht nur bei den Jusos) als Posterboy diverser Anliegen einer großen Beliebtheit erfreute – und unter anderem auch schon zur Versinnbildlichung der Bologna-Auswirkungen herhalten musste. Allerdings wirkt die Kampagne von Linke.SDS dazu (siehe unten) ziemlich raffiniert, wenn man sie dem schlichten Chuck Norris würde Jusos wählen! gegenüberstellt.

Anyway. Zumindest kann niemand den Kandidaten von Chuck Norris würde Jusos wählen! vorwerfen, dass sie dies für ihren Lebenslauf tun (außer ihr Berufswunsch ist ein Job in Berlins zugekokstester Werbeagentur).

In einer gewissen Weise macht dies die Chuck Norris würde Jusos wählen!-Kampagne fast wieder etwas sympathisch: Dieses WEEHEE- und YEEHAAhafte hebt sich aus dem Alltagsgrau der Hochschulpolitik hervor wie der unschuldige Gemütsausbruch eines überzuckerten Kindes während einer Schweigeminute, wie sich durch ein einfaches Schaubild beweisen lässt:

2010: Juso Hochschulgruppe.
2011: Juso-Hochschulgruppe.
2012: CHUCK NORRIS WÜRDE JUSOS WÄHLEN!
2013: Juso-Hochschulgruppe.


2 Antworten auf “Chuck Norris würde wohl Sarah Palin wählen.”


  1. 1 Chuck Norris würde Jusos wählen! 10. Januar 2012 um 22:40 Uhr

    Lieber Andi,

    vielen Dank für den schönen Artikel :-)

    schöne Grüße
    Noah

  2. 2 AndieR 11. Januar 2012 um 1:28 Uhr

    :) Immer wieder gerne… Wie sieht es aus, bist Du bei Herrn K.s Abschied in HH mit dabei?

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